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Wie arbeitest du respektvoll mit afrobrasilianischen gospeltraditionen zusammen ohne kulturelle appropriation zu riskieren?

Wie arbeitest du respektvoll mit afrobrasilianischen gospeltraditionen zusammen ohne kulturelle appropriation zu riskieren?

Als jemand, die sich leidenschaftlich für Gospelmusik aus aller Welt interessiert, stelle ich mir immer wieder die Frage: Wie können wir mit afrobrasilianischen Gospeltraditionen arbeiten, ohne in die Falle der kulturellen Aneignung zu tappen? In meinen Recherchen, Gesprächen hinter den Kulissen und gemeinsamen Proben habe ich gelernt, dass Respekt, Transparenz und echte Partnerschaft die Schlüssel sind. Im Folgenden teile ich persönliche Beobachtungen, praktische Schritte und Reflexionen, die dir helfen können, verantwortungsvoll und sensibel zu handeln.

Erstens: Zuhören und lernen — nicht übernehmen

Bevor ich musikalische Elemente aus einer Tradition übernehme, verbringe ich Zeit damit, zuzuhören. Das heißt nicht nur, Studioaufnahmen zu konsumieren, sondern live zu gehen: Gemeindekonzerte, lokale Festivals, Proben. Ich frage, wie bestimmte Lieder entstanden sind, welche spirituelle Bedeutung sie haben und ob es Tabus oder Rituale gibt, die beachtet werden müssen.

Dieses Zuhören ist aktiv: Ich stelle Fragen, notiere Begriffe und lasse mir Hintergründe erzählen. So vermeide ich, musikalische Phrasen bloß als exotische Verzierung zu behandeln. Stattdessen verstehe ich sie als Träger von Geschichte, Glauben und Gemeinschaft.

Arbeite mit Trägerinnen und Trägern der Kultur

Eine der wichtigsten Regeln für mich ist: Wenn du etwas aus einer Kultur nutzen willst, arbeite mit Menschen aus dieser Kultur zusammen. Nicht nur als „Berater“, sondern als echte Partnerinnen und Partner. Das kann bedeuten:

  • Lokale Musikerinnen und Musiker einzuladen und sie angemessen zu bezahlen.
  • Ko-Autorinnen und Ko-Autoren bei Arrangements und Kompositionen zu benennen.
  • Workshops oder gemeinsame Proben zu organisieren, bei denen das Wissen sichtbar bleibt und weitergegeben wird.

Als ich einmal mit einer afrobrasilianischen Vokalgruppe arbeitete, bestand der Prozess darin, dass die Gruppe die rhythmischen und vokalen Phrasen vorstellte, wir experimentierten zusammen, und am Ende stand ihr Name prominent in allen Ankündigungen. Das fühlte sich für alle Beteiligten richtig an.

Kontext geben — Geschichten erzählen, nicht entkontextualisieren

Wenn ich Artikel schreibe oder Konzerte mit diesen Einflüssen präsentiere, achte ich bewusst darauf, den kulturellen und spirituellen Kontext zu vermitteln. Musikerische Elemente aus afrobrasilianischen Traditionen sind oft mit religiösen Praktiken (z. B. afrobrasilianischen Religionen wie Candomblé und Umbanda) und historischen Erfahrungen verknüpft. Sie einfach als „schöne Rhythmen“ zu verkaufen, ist problematisch.

Deshalb begleite ich musikalische Beispiele immer mit Information: Wer hat das Lied geprägt? Welche Bedeutung hat es in der jeweiligen Gemeinde? Gibt es Respektregeln für die Aufführung? Diese Transparenz schützt vor Entkontextualisierung und fördert Verständnis.

Respektiere Rituale und heilige Räume

Ein heikler Punkt ist die Übernahme von Elementen, die in rituellen Kontexten stehen. Nicht alles ist für die Bühne oder das Studio gedacht. Ich frage immer nach Erlaubnis, bevor ich Lieder verwende, die in religiösen Zeremonien gesungen werden, und respektiere, wenn etwas als tabu gilt.

Beispiel: Bei einem Besuch in Salvador da Bahia erklärte mir eine Musikerin, dass bestimmte Gesänge für Initiationsriten reserviert sind. Wir konnten darüber sprechen, welche Teile geteilt werden dürfen und welche nicht — und erhielten klare Grenzen.

Faire Bezahlung und Anerkennung

Gegenüber Künstlerinnen und Künstlern aus afrobrasilianischen Kontexten bin ich kompromisslos: Arbeit muss fair entlohnt werden. Das betrifft Gagen, Tantiemen, Reisekosten und auch Anerkennung in den Credits. Zu oft profitieren Vermittlerinnen und Vermittler finanziell, während die kulturellen Träger wenig zurückbekommen.

Praktische Maßnahmen, die ich empfehle:

  • Schriftliche Vereinbarungen, die Nutzung, Verteilung von Einnahmen und Credits regeln.
  • Klare Nennung aller Mitwirkenden in Programmheften, Presseinfos und digitalen Metadaten.
  • Transparente Budgetierung: Zeige, wie viel in Gagen und Community-Projekte fließt.

Bildung — sprachlich und historisch

Sprache ist wichtig. Wenn ich mit brasilianischen Musikerinnen spreche, bemühe ich mich, Portugiesisch zu lernen, zumindest Grundformen und respektvolle Wendungen. Sprachkenntnisse öffnen Türen und zeigen Respekt. Ebenso wichtig ist das historische Wissen: Die afrobrasilianische Musikkultur ist durch Sklaverei, Widerstand und synkretische Entwicklungen geprägt. Das zu kennen, verhindert oberflächliche Verallgemeinerungen.

Co-Kreation statt Aneignung

Ich bevorzuge Co-Kreation: Projekte, bei denen lokale Künstlerinnen und Künstler gestalterische Kontrolle haben. Das kann bedeuten, dass sie Arrangements leiten, Texte schreiben oder in Entscheidungsprozesse eingebunden sind. Co-Kreation schafft Wertschätzung und sorgt dafür, dass das Ergebnis authentisch bleibt.

Transparenz gegenüber Publikum

Mein Publikum verdient Ehrlichkeit. Wenn ein Stück von einer afrobrasilianischen Tradition inspiriert ist, sage ich das offen. Wenn Überarbeitungen stattgefunden haben, erkläre ich sie. Transparenz verhindert Missverständnisse und bietet Lernchancen.

Vermeide exotisierende Sprache

In Texten und Ankündigungen verzichte ich auf Begriffe wie „exotisch“ oder „ursprünglich“, die Menschen und Kulturen entmenschlichen. Stattdessen nutze ich präzise Beschreibungen: Welche musikalischen Elemente sind gemeint? Wer hat sie entwickelt? Was bedeutet das in der Praxis?

Ressourcen und Netzwerke

Wer tiefer einsteigen will, dem empfehle ich, lokale Kulturzentren, wissenschaftliche Arbeiten und Musikerverbände zu konsultieren. Einige nützliche Ansätze:

  • Partnerschaften mit brasilianischen Kulturvereinen oder Afro-Brazilian-Community-Organisationen.
  • Besuch von Fachkonferenzen zu ethnomusikologischen Themen.
  • Förderprogramme, die faire Kooperationen zwischen europäischen und brasilianischen Akteurinnen unterstützen.
Was ich persönlich vermeideWas ich stattdessen tue
Schnelle „Inspiration“ ohne RückspracheLangfristige Beziehungen aufbauen und fragen
Auftritte ohne Nennung der QuellenKlare Credits und Sichtbarkeit für die Ursprungskünstler
Rituale entnehmen und kommerzialisierenRituale respektieren und nur mit Erlaubnis teilen

All diese Schritte klingen vielleicht langsam und aufwendig — und ja, sie sind es. Aber gerade in der Arbeit mit afrobrasilianischen Gospeltraditionen zahlt sich diese Sorgfalt aus: Sie schafft Vertrauen, ermöglicht echte künstlerische Bereicherung und schützt davor, jene zu verletzen, deren Stimmen und Praktiken wir so sehr bewundern.

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